Spätestens, seit der DAX in den vergangenen Tagen unter die 11.000 Punkte-Marke gefallen ist, konnte man besonders in den themenrelevanten Gruppen der sozialen Medien ein sehr interessantes Verhalten von uns Privatanlegern beobachten. Vielleicht sind wir in unserer Entwicklung beim Umgang mit fallenden Aktienmärkten doch noch nicht soweit wie erhofft. Das gilt natürlich nicht pauschal für alle und ist nur mein subjektiver Eindruck vom allgemeinen Stimmungsbild.

 

Mit den größer werdenden Verlusten werden wir augenscheinlich zunehmend nervöser. Der Ton untereinander wird rauer.  Die „Hab‘-ich-es-doch-gewusst“-Mentalität von einigen kommt mehr und mehr zum Vorschein. Obwohl wir uns vorgenommen hatten, unsere Aktien langfristig zu betrachten, bereiten uns jetzt kurz- und mittelfristig eintrübende Zukunftsaussichten doch erhebliche Sorgen. Wir suchen die Schuld für unsere Verluste bei anderen. Autoren von Unternehmensanalysen mit vermeintlichen Kaufempfehlungen, an denen wir uns in Zeiten steigender Kurse orientieren konnten, bieten sich als Zielscheibe offenbar besonders an. Dabei berücksichtigen wir nicht, dass der  jeweilige Verfasser seinerzeit darauf hingewiesen hatte, dass es sich bei seiner Unternehmensanalyse lediglich um eine persönliche Meinung, jedoch keinesfalls um eine Empfehlung, handelt. Wir ignorieren ebenso, dass wir bereits früher darauf aufmerksam gemacht wurden, dass eine eigene fundierte Meinung in schwierigen Börsenphasen unersetzlich sein würde.

 

Ruhe bewahren wir nur, bis unsere persönliche Schmerzgrenze erreicht ist. Diese ist bei uns oft dann erreicht, wenn wir kein Geld mehr zum Nachkauf zur Verfügung haben. In Zeiten steigender Märkte haben wir bei jedem kleinen Kursrücksetzer fleißig nachgekauft um die vermeintlich seltene Gelegenheit nicht zu verpassen. Dieses Verhalten nennen wir dann antizyklisches Investieren. 

 

 

Haben wir aus früheren Krisen wirklich nichts gelernt?

 

Im Endeffekt zeigen sich wieder die gleichen Verhaltensmuster wie in vergangenen Krisen. Gelernt haben wir daraus offenbar nicht viel. Natürlich ist es nicht angenehm, wenn rote Zahlen das eigene Depot überlagern. Nun brechen auch noch vermeintliche Qualitätsaktien wie Fresenius, Bayer oder BASF ein. Sollten das nicht eigentlich die Qualitätstitel sein, die uns sicher durch die Krise begleiten würden? Diese Unternehmen korrigieren ihren kurz- und mittelfristigen Ausblick nun nach unten. Unsere Zweifel werden größer. Sind diese Unternehmen etwa in der Vergangenheit jahrelang schön geredet worden? Wurden die Risiken unterschätzt?

 

Gerade Fresenius ist für mich ein Musterbeispiel für den berüchtigten Herdentrieb, vor dem auch in zahlreichen Finanzblogs in den letzten Jahren gewarnt wurde. Lange Zeit standen die Bad Homburger als einzige deutsche Dividendenaristokraten für die sinnbildliche Qualitätsaktie. Die Gewinne wurden kontinuierlich gesteigert, der Kurs ging nach oben und das Risiko der hohen Verschuldung wurde wohlwollend akzeptiert, denn die Zukunftsaussichten waren schließlich großartig. Nun befinden wir uns in einem Marktumfeld, wo die meisten Aktienkurse den Rückwärtsgang eingelegt haben. Gleichzeitig musste das Management verkünden, dass die Gewinne in den kommenden ein, zwei Jahren vermutlich nicht mehr so stark steigen können, wie bislang prognostiziert. Sofort brach die Aktie ein und damit die Stimmung der Anleger. Die hohe Verschuldung rückt nun in den Vordergrund und man gewinnt den Eindruck, dass das Unternehmen kurz vor seinem finalen Ruin steht. Von der einstigen Qualitätsaktie will kaum jemand mehr etwas wissen.

 

Wir möchten alle antizyklisch Investieren. Leider verstehen wir das allzu oft falsch. Antizyklisch zu investieren bedeutet nicht, eine Aktie bei kleinen Kursrücksetzern und einem rundum positiven Stimmungsbild zu kaufen. Die wirklich günstigen Kurse gibt es nicht ohne Grund. Qualitätsaktien, wie Fresenius, Bayer oder BASF können wir bei rosigen Aussichten nicht zum Schnäppchenpreis bekommen. Das ist einfach nicht möglich! Wir benötigen eine Masse an Anlegern, die die Aktie verkauft, damit der Kurs fällt. Und dafür sind schwache Aussichten zwingende Voraussetzung. Wer verkauft schon seine Anteile, wenn es gut läuft? Antizyklisch zu investieren bedeutet daher auch, sich gegen die Meinung der Mehrheit zu richten. Das müssen wir aushalten. Um die Ereignisse besser einordnen zu können, hilft es, sich am Kostolany-Ei zu orientieren. Ich denke, dass wir uns aktuell in Phase 4 befinden. Was meint ihr?

 

Erst wenn sich der langfristige Investment-Case signifikant verändert, kann man über einen Verkauf nachdenken. Wenn wir unsere Meinung sofort wechseln, sobald etwas Gegenwind aufkommt, werden wir am Ende mit leerem Depot dafür mit vollem Verlustverrechnungstopf da stehen. Im schlechtesten Fall kehren wir der Börse für immer den Rücken zu und wenden uns wieder unserem Sparbuch zu.

 

Wer in der jetzigen Phase voll investiert ist und keine Cashmittel mehr zur Verfügung hat, darf gerne nervös sein. Handlungsunfähig massive Kursverluste zu ertragen, gehört zu den schwierigsten Herausforderungen, die ein Anleger zu bewältigen hat. Aber selbst aus dieser Situation können wir uns mit viel Geduld befreien. Hier kann es helfen, das aktuelle Börsengeschehen eine Weile zu ignorieren und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Wer nicht noch einmal in so eine Situation geraten möchte, kann sich am besten schon in ruhigen Zeiten ein sinnvolles Cash-Management erarbeiten. Wie man sein Cash sinnvoll verwalten könnte und warum das für den Vermögensaufbau so wichtig ist, kannst du hier nachlesen. 

 

Trotzdem werden am Ende nicht alle Unternehmen die Krise unbeschadet überstehen. Einige werden ihre alten Höchststände nie wieder erreichen. Das ist normal und gehört dazu. Wir werden nicht nur Gewinner in unserem Depot haben. Auch die Verlierer sind ein Teil unseres Vermögensaufbaus. Ziel muss es sein, die Zahl der Gewinner zu maximieren und die Verlieren zu minimieren.

 

 

Was können wir stattdessen tun?

 

Zunächst einmal sollten wir die Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Wenn wir dicke Gewinne einfahren ist das genauso allein unser Verdienst, wie unsere Versäumnisse, die wir jetzt vielleicht ausbaden müssen.

 

Wir sollten uns wieder auf die Basics besinnen, mit denen uns die vielen Finanzblogger in guten Zeiten gebetsmühlenartig versorgt haben. Manche Begriffe wie Geduld und Disziplin, klingen in steigenden Märkten oft nach leeren Phrasen oder Floskeln. Aber wer in steigenden Phasen mit seinem Cash nicht diszipliniert umgegangen ist, benötigt nun umso mehr Geduld. So einfach ist das. Viele Grundlagen der Börsenwelt sind derzeit wichtiger denn je.

 

Die Weltbevölkerung wird weiter steigen. So lange das so sein wird, wird der weltweite Bedarf an Nahrung, Waren, Gütern und Dienstleistungen ebenfalls weiter steigen. Die Unternehmen werden dadurch mehr Geld verdienen. Das führt irgendwann wieder zu steigenden Aktienmärkten. Einzelne Aktien werden jedoch immer wieder auf der Strecke bleiben. Qualitätsaktien, die in der Vergangenheit über viele, viele Jahre hochwertige Arbeit und kontinuierliche Gewinne abgeliefert haben, werden das aber auch in Zukunft wieder tun. Auch wenn es im Moment auf den ersten Blick nicht so aussehen mag.

 

Ein zweiter Blick lohnt sich aber immer. Gerade an der Börse. Lasst uns ein bisschen mehr Vertrauen haben.

 

Hinweis: In meinem letzten Newsletter hatte ich an dieser Stelle eigentlich einen anderen Artikel angekündigt. Auf Grund der aktuellen Entwicklungen möchte ich jedoch lieber versuchen einen kleinen Beitrag zu leisten, damit wir nicht voller Sorgen und Ängste in die Weihnachtsfeiertage gehen. Den versprochenen Artikel werde ich natürlich im kommenden Jahr umgehend nachholen. Ich hoffe, das ist in eurem Sinne.

 

Bild: © panthermedia.net /Christian Chan

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Die hier vorgestellten und besprochenen Geldanlagen befinden sich teilweise in meinen privaten Depots oder auf der Beobachtungsliste. Alle Beiträge dienen lediglich der Information oder der Unterhaltung. Sie stellen ausdrücklich keinerlei Empfehlung oder Kaufaufforderung dar. Ich leiste keine rechtsgeschäftliche Anlageberatung und kann diese auch nicht ersetzen. Dies gilt für sämtliche Kommunikationswege. Bei den hier erläuterten Anlageentscheidungen handelt es sich um meine subjektive Meinung. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Geldanlagen immer mit Risiken behaftet sind, die bis zum Totalverlust führen können. Eine Haftung für deine Anlagenentscheidungen kann ich nicht übernehmen. Du handelst eigenverantwortlich und auf eigene Gefahr. Vor einer Anlageentscheidung empfehle ich dir die Inanspruchnahme einer professionellen Beratung.

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